Gemeinschaftlich und integrativ?

Die ExperimentDays und der neue Wohnungsbau in Berlin

Seit 2003 finden jedes Jahr die Berliner Wohnprojektetage „ExperimentDays“ statt – in diesem Jahr im Mai in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie standen unter dem Motto „Integrative Wohnprojekte für alle!“ und wiesen damit weit über alternative Hausprojekte oder Baugemeinschaften Gutbetuchter hinaus.

Von Elisabeth Voß

Die Veranstaltung versteht sich als „Do-It-Youself-IBA“, bei der es – in Anlehnung an Internationale Bauausstellungen – um Innovationen im Wohnungsbau gehen soll, mit dem Schwerpunkt auf Selbsthilfe und Selbstorganisation. Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup (nicht Stadtentwicklungssenator, wie in der urspr. Fassung versehentlich geschrieben, siehe Kommentar unten) führte in seiner Eröffnungsrede aus, dass angesichts des zu erwartenden Bevölkerungszuwachses in den nächsten 10 Jahren jedes Jahr 20.000 Wohnungen in Berlin neu gebaut werden sollen, davon die eine Hälfte durch öffentliche Wohnungsgesellschaften, die andere durch Genossenschaften, Baugemeinschaften und private Investoren. 10 Prozent davon sollen als Sozialwohnungen mit Nettokaltmieten von anfangs durchschnittlich 6,50 Euro/qm errichtet werden. Zusätzlich sollen die Öffentlichen pro Jahr 6.000 Wohnungen dazu kaufen.

12 neue Stadtquartiere sollen entstehen, überwiegend am Stadtrand, zum Beispiel in Blankenfelde, Buch und Spandau. Darüber hinaus stellt der Senat 30 Millionen Euro zur Errichtung von 600 Sozialwohnungen im „Experimentellen Geschosswohnungsbau“ zur Verfügung. Im November 2015 wurden dafür – nach Kriterien wie generationenübergreifend, barrierefrei und kostengünstig – neun Projekte ausgewählt, die bis 2018 umgesetzt werden sollen. Zum Beispiel wird die „Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892“ am Nettelbeckplatz im Wedding einen 70er-Jahre-Bau erweitern, und die Genossenschaft „Am Ostseeplatz“ ebenfalls im Wedding, in der Lynarstraße, neu bauen. Auch ein Bauvorhaben auf dem Grundstück der ehemaligen Gerhard-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße in Kreuzberg, die von Flüchtlingen besetzt ist, befindet sich unter den ausgewählten Projekten. Hier möchte die städtische Howoge gemeinsam mit dem Bezirksamt 121 Wohnungen errichten. Die Schweizer „Stiftung Edith Maryon“ wird zwei Projekte im Neuköllner Rollberg-Kiez umsetzen. Diese anthroposophisch ausgerichtete Stiftung hat den Zweck, soziale Wohn- und Arbeitsstätten zu fördern. Nachdem sie ein Mietshaus in der Bornholmer-/Ecke Jülicher Straße im Wedding vererbt bekam, verklagt sie seit 2014 einige MieterInnen auf Duldung der Modernisierung. Auch aus einem Haus im Lottbeker Weg in Hamburg wurden Prozesse der Stiftung bekannt, dort geht es um fristlose Kündigungen nach Mietminderung wegen Wohnungsmängeln.

In die Berliner Bauwelt scheint Bewegung zu kommen, neue Akteure tauchen auf, deren Interessenlage und Relevanz sich nicht so leicht erschließt. Seit einigen Jahren engagiert sich zum Beispiel die „Montag Stiftung Urbane Räume“ in der Quartiersentwicklung, deren Vorständin Frauke Burgdorff zur Eröffnung der ExperimentDays für mehr „soziale Prozesse“ beim Bauen plädierte. Als Beispiel nannte sie die „Esso-Häuser“ in Hamburg. Dort haben die MieterInnen nach dem Abriss ihrer Häuser in ein echtes Beteiligungsverfahren erkämpft. Mit ihrer „Planbude“ konnten sie gegenüber dem privaten Eigentümer und der Stadt Hamburg durchsetzen, dass es in dem Neubau nur Mietwohnungen geben wird, größtenteils öffentlich gefördert für Sozialwohnungen, genossenschaftliches und gemeinschaftliches Wohnen, und dass die ursprünglichen MieterInnen ein Rückkehrrecht haben. Als weiteres Beispiel stellte Frauke Burgdorff die „Alte Samtweberei“ in Krefeld vor, ein Wohn- und Gewerbe-Vorhaben der Montag-Stiftung in einer sehr gemischten Nachbarschaft. In der Broschüre zum Projekt wird die Frage aufgeworfen „Was können wir tun, damit das Viertel nicht zum Gegenstand spekulativer Käufe und Verkäufe von Immobilien wird?“

Ebenso wie viele andere der neuen Akteure spricht auch die Montag Stiftung viel von „Gemeinwohl“ und „Chancengerechtigkeit“ – beides keine unproblematischen Begriffe. „Gemeinwohl“ kann suggerieren, dass es keine Interessengegensätze gäbe – und so war auch auf den ExperimentDays kaum Kritisches zu hören. „Chancengerechtigkeit“ hat einen Beigeschmack von Individualisierung und Verweigerung gesellschaftlicher Verantwortung, so in dem Sinne: „Du bekommst deine Chance, nutze sie, und wenn dir das nicht gelingt, dann bist du selbst schuld.“ Auf Nachfrage erläuterte Frauke Burgdorff dazu: „Chancengerechtigkeit ist für mich der gerechte Zugang zu Entwicklungsmöglichkeit. Das heißt zu Teilhabe, Bildung, Umweltqualitäten, heterogenen sozialen Netzwerken und/oder zu allen Kapitalformen.“

Preisgekrönte Leuchtturm-Projekte

Auf der WohnProjekteBörse der ExperimentDays präsentierten sich neben ExpertInnen und Baugruppen eine ganze Reihe von Projekten, die Wohnen für und mit Flüchtlingen ermöglichen möchten. Aus Augsburg waren VertreterInnen des Grandhotel Cosmopolis angereist, einem ehemaligen Pflegeheim, das von KünstlerInnen zu einem Hotel umgebaut und liebevoll gestaltet wurde. Neben den TouristInnen leben dort auch 65 Flüchtlinge. 2013 bekam das Projekt einen Preis als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ – übergeben von Jürgen Fitschen, damals Co-Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank, und Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Das spricht nicht gegen das Projekt, wirft jedoch die Frage nach der Funktion solcher Leuchtturmprojekte angesichts von Abschottungspolitik und Verschärfung des Asylrechts auf.

Im Sharehaus Refugio in Neukölln leben Menschen mit und ohne Fluchterfahrungen in einer großen Wohngemeinschaft auf Zeit zusammen. Perspektivisch möchten die InitiatorInnen, die das Projekt gemeinsam mit der Berliner Stadtmission betreiben, gemeinschaftliche Wohnprojekte im Berliner Umland gründen. Das Sharehaus bekam am 9. Juni 2016 den Sonderpreis der Jury des Stipendienprogramms „ANKOMMER. Perspektive Deutschland“ der KfW Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau) und der Social Impact gGmbH. Inspiriert vom Grandhotel fand sich die Initiative Campus Cosmopolis zusammen, die sich wöchentlich im Sharehaus Refugio trifft. Für ihre Aktivitäten nutzt sie außerdem gemeinsam mit anderen Gruppen und KünstlerInnen vorübergehend die oberen Etagen einer Notunterkunft in der Kreuzberger Stresemannstraße, die als „Zusammenkunft“ auf Initiative der ebenfalls dort ansässigen Gruppe „Haus der Statistik“ entstand. Diese möchte den seit 2008 leerstehenden Gebäudekomplex des ehemaligen Haus der Statistik am Alexanderplatz, der 40.000 qm Nutzfläche umfasst, als „Zentrum für Geflüchtete – Soziales – Kunst – Kreative“ entwickeln. Berliner ArchitektInnen und ProjektentwicklerInnen haben sich zu diesem Zweck in der „Entwicklungsgenossenschaft Berlin“ zusammengeschlossen, die ursprünglich für das Tempelhofer Feld gegründet wurde. Ansprechperson des „Haus der Statistik“ ist der Berliner Atelierbeauftragte und Partizipations-Experte Florian Schmidt, der auch die „Initiative Stadt Neudenken“ und den „Runden Tisch zur Berliner Liegenschaftspolitik“ mit auf den Weg brachte.

Am 14. Juni 2016 traf sich die Gruppe zur Auftaktveranstaltung einer „Akademie der ZUsammenKUNFT“ am Haus der Statistik. Zwei Tage später wurde sie für ihr Konzept von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit dem „Berlin Award 2016 – Heimat in der Fremde“ ausgezeichnet, der von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher überreicht wurde. Ebenfalls ausgezeichnet wurde unter anderem das „Hof.Haus“, das von Studierenden der Universität Hannover entworfen wurde. Es ist für 10 Personen geplant, die einen großen, ebenerdigen Gemeinschaftsraum nutzen, von dem aus sie über Leitern in ihre Wohnzellen im Obergeschoss klettern können. Eine Nachrüstung mit Treppen soll möglich sein. Dieser Entwurf zum gemeinschaftlichen Wohnen von Flüchtlingen und Studierenden wurde mit anderen unter der Überschrift „Home not Shelter! Gemeinsam leben statt getrennt wohnen“ als Projekt der Hans Sauer Stiftung veröffentlicht. Spätestens bei der Idee des „Home not Shelter!“-Projekts „Refugees Refugium“ als 10-qm-Zimmer für zwei Personen drängt sich die Frage auf, wie ernsthaft die Bedürfnisse von Flüchtlingen hier einbezogen wurden.

Zurück zu den ExperimentDays. Einer ihrer tragenden Akteure ist die „Netzwerkagentur Generationenwohnen“. Sie wird seit 2008 betrieben durch Stattbau, einen aus den Hausbesetzungszeiten der 1980er Jahre stammenden Treuhänder und Sanierungsträger für Hausprojekte und weitere Immobilienenvorhaben. Die Netzwerkagentur berät vor allem Baugemeinschaften, unterstützt bezirkliche Wohntische für gemeinschaftliches Wohnen, und hat auch die Genossenschaft Möckernkiez begleitet. Diese hat nun die langersehnte Finanzierungszusage der Banken erhalten, was auf den ExperimentDays bekannt und mit Erleichterung aufgenommen wurde. Die Fragen der Wohnungsbelegung und der konkreten Zusammenarbeit mit dem Generalunternehmer sind damit jedoch noch nicht gelöst.

Gemeinsam mit öffentlichen Wohnungsunternehmen und Genossenschaften führt die Netzwerkagentur in den nächsten Jahren Kooperationsprojekte zur Errichtung von etwa 5.000 Wohnungen in mehr oder weniger gemeinschaftlich angelegten Projekten durch. Die Geschäftsführerin von Stattbau, Constance Cremer, erläuterte auf die Frage nach der Miethöhe: „Es wird in allen Projekten einen Anteil von geförderten Wohneinheiten (ca. 30%) geben, d.h. 6,50 Euro kalt. Wie Verteilung, Schlüssel usw. aussehen, lässt sich aber derzeit noch nicht genau sagen.“ Unter den Kooperationsprojekten befindet sich auch das geplante Neubauvorhaben der Genossenschaft „Wohnungsbau-Verein Neukölln“ in der Heidelberger Straße. Die Genossenschaft möchte dort – gegen die Proteste von Mitgliedern – preiswerten Wohnraum abreißen, um neu zu bauen. Dort wird die Nettokaltmiete von bisher 5,00 auf 8,50 Euro/qm steigen, so dass es sich viele der bisherigen BewohnerInnen nicht mehr werden leisten können, zurückzukehren. Schon jetzt sucht die Netzwerkagentur Interessierte aus Projekt-Initiativen und Wohntischen – ein Beispiel dafür, wie gemeinschaftliche Wohnprojekte an der Vertreibung von MieterInnen mitwirken können.

Mehrere Teilnehmende der WohnProjekteBörse bewerben sich aktuell um Parzellen auf der „Schöneberger Linse“ am Bahnhof Südkreuz. Dort soll ein neues Wohnquartier entstehen, zu einem großen Teil errichtet durch die städtische Gewobag. Vier kleinere Parzellen werden in einem Konzeptverfahren vergeben, das vom Berliner Immobilienmanagement (BIM) durchgeführt wird. Baugruppen, soziale Träger, ProjektentwicklerInnen und selbstorganisierte Projektgruppen bewerben sich mit Konzepten für verschiedenste mehr oder weniger gemeinschaftliche Wohnprojekte. Ein weiterer Teil des Baufeldes wird im Bieterverfahren vergeben.

Eine Frage der Interessen

Wie so oft blieben bei den ExperimentDays die mittelschichtigen mehr oder weniger Gutwilligen unter sich. Deren Ernsthaftigkeit und Engagement war überwiegend glaubhaft spürbar. Jedoch waren weder Flüchtlings- noch MieterInnen-Organisationen beteiligt. So fehlte die Kritik, sowohl an rassistischer Flüchtlingspolitik als auch an den angeblich bezahlbaren, real jedoch viel zu hohen Mieten im neuen Sozialen Wohnungsbau. Auch die Frage, warum die Mietpreisbindung nach 20 Jahren endet, wurde nicht gestellt. Die Wurzeln für zukünftige Probleme werden damit bereits heute gelegt. Immerhin sammelte eine Initiative von AnwohnerInnen der Wöhlert-, Pflug- und Schwartzkopffstraße, rund um das genossenschaftliche Wohnprojekt Wöhlertgarten, Unterschriften zur Verkehrsberuhigung.

Angesichts der Auszeichnungen, die integrative Projekte einsammeln können, drängt sich die Frage auf, wie konfliktfrei bessere Wohnbedingungen für Flüchtlinge und andere vom Wohnungsmarkt Ausgegrenzte überhaupt realisierbar sind, und wo das Engagement eher der kreativen Selbstverwirklichung oder der Karriere dient. Beim Bauen geht es ums Geldverdienen, und dass gute Arbeit am Bau auf jeder (!) Ebene anständig bezahlt gehört, soll hier nicht bezweifelt werden, solange ArchitektInnen und ProjektentwicklerInnen im Interesse derjenigen handeln, für die oder mit denen sie arbeiten. Jedoch sagen so schöne Zielstellungen wie Kooperation, Gemeinschaftlichkeit, Gemeinwohl etc. für sich genommen wenig aus, und es kommt darauf an, wer sie aus welcher Perspektive und mit welcher Interessenlage benutzt. Öffentliche Mittel für den Wohnungsbau haben schon immer profitorientierte Akteure angezogen, und auch mit Blick auf die Bestrebungen zur Wiedereinführung der Wohnungsgemeinnützigkeit ist kritische Wachsamkeit angesagt, denn die formale Gemeinnützigkeit allein ist nur begrenzt aussagekräftig.

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2 Gedanken zu “Gemeinschaftlich und integrativ?

  1. Hi*,
    soweit ist es (noch) nicht: Stadtentwicklungssenator Engelbert Lütke Daldrup ist derzeit „nur“ Staatssekretär, sozusagen in „Geiselhaft“, aber, no joke with names – klar!
    Sd
    R.

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