Schöneberg und die deutsche Kolonialgeschichte

Offener Brief an die BVV Tempelhof/Schöneberg

Im Juni dieses Jahres findet im Vorfeld und im Zusammenhang des Hamburger G-20 Gipfels in unserem Bezirk (im Gasometer) eine Afrika Konferenz statt. Diese Konferenz gibt vor, dem Aufbau einer Partnerschaft zwischen den Industrieländern und den afrikanischen Ländern zu dienen. In Wahrheit fördert sie durch ungerechte Handelsverträge und die Öffnung der afrikanischen Märkte für die Produkte der Industrieländer die weitere Verarmung und Verelendung der afrikanischen Länder. Weder eine Partnerschaft noch die Bekämpfung von Fluchtursachen, vielmehr die Bekämpfung von Flüchtlingen in Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimen wie z.B. Eritrea, die sich schlimmster Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, ist Ziel dieser Konferenz. Wir begrüßen die angekündigten Protestaktionen gegen diese Konferenz.

Wir nehmen die Afrika Konferenz zum Anlass, auf die Verwicklung des Bezirks Schöneberg in die Kolonialgeschichte aufmerksam zu machen. Im Mai eröffnet das Jugendmuseum Schöneberg eine Ausstellung zu diesem Thema.

Ähnlich des öffentlichen Gedenkens an das Schicksal der jüdischen Schöneberger und Schönebergerinnen im Bayrischen Viertel sollte an die deutsche Kolonialgeschichte und deren Opfer erinnert werden. Wir fragen, warum gibt es am Kaiser-Wilhelm Platz zwar zu Recht eine Gedenktafel, die an die Verbrechen in den deutschen Konzentrationslagern in der Nazizeit erinnert, aber keinen Hinweis darauf, welche Rolle dieser Kaiser bei den deutschen Kolonialverbrechen spielte, die in dem Völkermord an den Namas und Hereros gipfelten. Wir finden es unerträglich, dass auch in unserem Bezirk immer noch Straßen nach Menschen benannt sind, die in diese Kolonialverbrechen verwickelt waren wie der nach dem Kolonialoffizier William von Simpson benannte Simpsonweg. Ebenso inakzeptabel ist es, dass Kleingartenkolonien nach deutschen Kolonien benannt sind wie die Kolonie Samoa. In der Martin-Lutherstr. 97 gibt es kein Gedenken an die Menschen, die durch die dort ansässige Deutsche Gesellschaft für Eingeborenenkunde drangsaliert wurden. In der Rubensstraße sollte an die dort 1907 stattgefundene Kolonialausstellung  erinnert werden, in der die deutschen Kolonialverbrechen verherrlicht wurden. Die entwürdigende Zurschaustellung von Menschen führte schließlich zu der „Deutschen Afrika Schau“ 1936: „Passage Panoptikum 50 wilde Kongoweiber, Männer und Kinder in ihrem aufgebauten Kongodorfe.“

Wir fordern die BVV auf, sich der Verwicklung des Bezirks in die deutsche Kolonialgeschichte bewusst zu werden. Es ist höchste Zeit, den Spuren dieses verbrecherischen Kapitels deutscher Geschichte im öffentlichen Raum nachzugehen und seiner Opfer zu gedenken. Hier kann an der Arbeit des Vereins Berlin Postkolonial und der bereits erfolgten Gedenkarbeit in anderen Bezirken angeknüpft werden.

Im Kiezpalaver engagierte Schöneberger und Schönebergerinnen

schoenebergerkiez-info@listen.netz-bb.de

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2 Gedanken zu “Schöneberg und die deutsche Kolonialgeschichte

  1. Ausgerechnet! Die Privatisierung des Glücks ist der Grundsteine des Kolonialismus. Für die privaten Glücksträume des kleinen weissen Menschen wurden tausende Kulturen und millionen Menschen vernichtet und das ist nicht zu Ende. Ein Wechsel des Standpunkts könnte helfen, die kollektive Verantwortung zu verstehen, oder ist es nur ein frommer Wunsch, weil wir (die Europäer) immer uns moralisch überlegen fühlen wollen ?

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