Nachnutzung des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf

Offener Brief und E-Mail an Bezirksstadträtin Dr. Sibyll Klotz

Sehr geehrte Frau Klotz,

Ihre grün-gelben Zettel “Beteiligung der Öffentlichkeit an der Bauleitplanung” und “Informationsveranstaltung zum Thema Nachnutzung des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf” sind mit dem Datum 1. März 2016 versehen. An die Friedenauer Haustüren wurden diese allerdings erst am 7. März 2016 geklebt.

Sie zogen es vor, pro Haus und Haustür je einen Zettel zur Verfügung zu stellen, nicht aber jedem Haushalt. Von einem ehrlichen Interesse an einer möglichst breiten Beteiligung der Öffentlichkeit kann nicht die Rede sein. Ihr Vorgehen erinnert doch sehr an die Ihnen wohl noch bekannten Parteiversammlungen vergangener Jahrzehnte, auf denen “die Sachen durchgewunken” wurden. Die Bebauung Güterbahnhof ist aber nicht einfach durchzuwinken.

Die Informationsveranstaltung im Rathaus Schöneberg setzen Sie für Donnerstag, den 17. März 2016, von 18.00 bis 20.00 Uhr an. Es müsste Ihnen bekannt sein, dass die Berliner Osterferien offiziell am 21. März 2016 beginnen, viele Friedenauer sich traditionell aber schon am 18. März auf die Reise begeben.

Der Entwurf des Bebauungsplans kann ab 14. März 2016 von 7.30 bis 15.00 Uhr eingesehen werden – also erst drei Tage vor Ihrer Informationsveranstaltung, während dieser doch auch schon öffentliche Stellungnahmen persönlich abgegeben werden könnten.

Nimmt man das alles zusammen – auch die Vorgeschichte der Planungen für den ehemaligen Güterbahnhof –, dann wird klar, dass Sie und Ihre Verwaltung der Bürgerbeteiligung an einem hoch umstrittenen Projekt die größtmöglichen Steine in den Weg legen. Dass dies ausgerechnet von einer Bündnisgrünen ausgeht, macht die Sache schlimmer, weil Ihre Partei zu “Urzeiten” einmal dafür eingetreten war, dem Bürgerwillen gegen Behördenwillkür Geltung zu verschaffen. Von dieser Maxime ist nichts übriggeblieben – ein Grund, warum sich viele Menschen von den Bündnisgrünen abgewendet haben.

Die Durchsetzung des irrwitzigen Wohnbauprojekts auf einer schmalen, von Autobahn, S-Bahn-Ring und Güterzugtrasse umtosten Fläche wird von Interessen gesteuert, auf die Sie und Ihre Verwaltung nicht aktiv einwirken, sondern nur noch reagieren: Investoren, Architekten, Bodenspekulanten und Banken diktieren den schlimmen Kurs, den Sie mit den Totschlagargumenten “sozialer Wohnungsbau”, “Grünflächen” und “autofrei” zu verbrämen suchen.

Der Umgang mit den Bürgern ist beschämend: mit denjenigen, die bereits hier leben, und die mit zusätzlichem Verkehr belastet und mitttels einer Betonwand von einer wichtigen Luftschneise abgeschnitten werden sollen. Aber vor allem ist der Umgang beschämend und geradezu unmenschlich mit denjenigen, die eingeklemmt zwischen Autobahn und Bahntrassen leben sollen, wenn Ihre Pläne umgesetzt werden.

Unehrliche Politik wird sich auf Dauer nicht durchsetzen. Ihr Versuch, Bürgerbeteiligung auszuhebeln, wird scheitern. Das zeigen zahlreiche Beispiele aus Berlin und ganz Deutschland. Überall bestehen die Menschen darauf, ihr Umfeld aktiv mitgestalten zu wollen. Und sie finden Wege, sich Gehör zu verschaffen und Behördenwillkür und –unfähigkeit anzuprangern.

Das Wohnbauprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ist schädlich für den Ortsteil und unerträglich für Anwohner und zukünftige Bewohner. Mit der völlig austauschbaren, banalen Architektur werden die Neubaumassen nicht nur die Landschaft, sondern auch urbane Traditionen zerstören, ganz zu schweigen von der Diskrepanz zur denkmalgeschützten Architektur und Quartiersstruktur dieser Gegend.

Das werden die Friedenauer deutlich machen, sei es in Bürgerforen oder bei Wahlen zur Bezirksverordnetenversammlung. Ein mündiger Kiez – und das ist Friedenau – wird sich gegen eine politisch verkrustete Bezirksverwaltung zu wehren wissen, mit guten Argumenten und bürgerschaftlicher Hartnäckigkeit. Dessen können Sie, Ihre Parteifreunde und Ihre Mitarbeiter sicher sein.

Wir hoffen, dass Sie auf Grund unserer Argumentation noch Schlüsse ziehen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Hahn & Jürgen Stich

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2 Gedanken zu “Nachnutzung des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf

  1. Ich habe mich im Netz nach für mich notwendigen neuen Wohnraum (alters- und behindertengerechter Ausbau, weil meine vor 30 Jahren bezogene Altbauwohnung nicht geeignet) umgeschaut.
    Dabei bin ich auf diese Seite gestoßen. Leider konnte ich hier keine bis wenige Informationen zu den anstehenden Bauvorhaben im Bezirk. Insbesondere fehlen hier konkrete Zahlen an denen man z.B. die zukünftige Preisentwicklung festmachen kann.
    Als Friedenauer (seit ü. 40 Jahren), der neuen Wohnraum sucht, begrüße ich die Bebauung des Güterbahnhofs aufs Höchste. Diese Brache ist mir schon seit Jahren ein Dorn im Auge.
    Bis jetzt konnte ich eigentlich nur polemisches auf diesen Seiten lesen, was sich schwerpunktmäßig gegen Frau Klotz richtet. Was haben sie gegen die Frau? Insbesondere ihre offenen Briefe sind ja schon an der Schwelle zur Verleumnung. Ich kenne die Frau nicht, aber dass Sie sich über Jahre für die Schaffung von Wohnraum einsetzt trotz weltfremder Gegener, finde ich bewunderswert.
    Daher begrüße ich die mehrheitliche Entscheidung der BVV zu den Bauvorhaben und werde daher seit Jahre wieder das erste Mal zur Wahl gehen, um diesen Partein den Rücken zu stärken, auch wenn Frau Klotz die Bühne verlässt.

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  2. Mal vorweg.

    Nett von Ihnen, dass Sie die Verantwortlichen dieses Blogs als „weltfremd“ abklassifizieren, ich gehöre nicht zu ihnen.

    Und nun mein Kommentar.

    Man kann die Fläche selbstverständlich wie Sie als Brache sehen, die nicht schützenswert und daher zuzubauen ist. Ich sehe sie aber anders, nämlich als wertvolles unbedingt zu schützendes Wildes Stadtgrün, als ökologische Nische für teils bedrohte Fauna und Flora bzw. als eine Möglichkeit, den Bürgern Friedenaus in Ihrem dicht besiedelten und mit Grün deutlich unterversorgtem Bezirk eine öffentliche Park- und Erholungfläche zu geben.

    Zu ihren Fragen:

    Vielleicht hilft Ihnen ja dieser Zeitungsartikel weiter.

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-schoeneberg-940-wohnungen-fuer-friedenau/12004074.html .

    Zur Information: Als bezahlbar gilt eine Anfangs-Netto-Kaltmiete von 6,50 Euro/ m². Dazu kommen dann noch die Betriebskosten etc..Der Rest der Wohnungen ist für Normalverdiener unbezahlbar und wird die Mieten in der Umgebung weiter in die Höhe treiben wie es die Erfahrung in den Innenstadtbezirken zeigt.

    Weitere Informationen erhalten Sie, wenn Sie mögen, auf diesem Blog aus Friedenau:

    http://www.friedenau-aktuell.de/

    Gruß, Hans-Georg Glauber.

    BETON IST DAS NEUE GRÜN.

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