OFFENER BRIEF an Frau Dr. Klotz

10.12.2015

Pressemitteilung des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg,

Ansprechpartnerin Bezirksstadträtin Dr. Sibyll Klotz:

DGNB Vorzertifikat in Platin für das neue Stadtquartier Bautzener Straße 

Sehr geehrte Frau Dr. Klotz,

einige grüne Wähler*innen in Tempelhof Schöneberg nehmen erstaunt zur Kenntnis,  dass sich eine grüne Stadträtin dermaßen unkritisch vor den Karren der Bauindustrie  spannen lässt. Die Presserklärung DGNB Vorzertifikat in Platin für das neue Stadtquartier Bautzener Brache erweckt sprachlich den Eindruck, als würde sie direkt aus dem Büro des HELLWEG-Baumarktbetreibers Semer kommen.

Platin für Betongold:

Es geht offenbar vor allem darum, sich als Investor durch den Erwerb eines Vor-Zertifikats im wirtschaftlichen Wettbewerb mit anderen Firmen einen Vorteil zu verschaffen.  Auf den Inhalt kommt es den Firmen dabei anscheinend weniger an.

DGNB-Präsident Alexander Rudolphi dazu:

„Gerade im internationalen Umfeld hängt die Entscheidung für oder gegen ein Zertifizierungssystem vielfach mehr von der Farbe der Auszeichnungsstufe und weniger von den Inhalten und damit überprüften Qualitäten eines Gebäudes oder Stadtquartiers ab.“

Wer sind die Gründungsmitglieder von DGNB? Eine kleine Auswahl:

Hochtief AG

Union Investment

Eternit AG

BASF SE

Bilfinger Bauperformance GmbH

Stadtquartier Bautzener Straße: „Sozial und ökologisch modelhaft“ (Stadträtin Sibyll Klotz) 

Dieses Bauprojekt ist vor allem Ausdruck der zur Zeit herrschenden Goldgräberstimmung auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Der Investor hat beizeiten ein Grundstück ohne Baurecht äußerst günstig erworben und erhält nun das begehrte Baurecht und die damit verbundene enorme Wertsteigerung – u.a. dank Ihres starken Engagements für dieses Projekt. Bekanntlich haben sich die Grünen des Bezirks in der letzten Legislaturperiode noch für den Brüder-Grimm-Park auf der Bautzener Brache eingesetzt, z.B. auch der grüne Abgeordnete Thomas Birk meines Wahlbezirks. Nach der Wahl kam alles anders. Die Bildung der Zählgemeinschaft mit der SPD hatte offenbar zur Folge, dass etliche grüne Ziele aufgegeben wurden.

Im Gegenzug für das unglaubliche Glück, für ein Spekulationsobjekt so viel Unterstützung durch die Politik zu erhalten, bleibt die Frage, was erhält der Bezirk für dieses Geschenk als Gegenleistung. Diese Antwort würden sicher gerne viele Wähler*innen wissen. Die 15 % staatlich geförderte Wohnungen des Bauprojekts werden ja wohl von den Steuerzahler*innen finanziert.

Die Brache ist nicht tot, sondern lebt 

39 geschützte Bäume wachsen auf der Bautzener Brache. Die meisten stehen seit Jahrzehnten dort und die Anwohner*innen lieben ihren Anblick und erleben an ihnen die wechselnden Jahreszeiten, für Tiere sind sie ein bedeutsamer Lebensraum. 35 Bäume sollen nach den Plänen des Investors und des Bezirksamtes für das „ökologische“ Bauprojekt gefällt werden, lediglich vier von ihnen werden von der Motorsäge verschont werden.

Ein Investor, der vor ein paar Jahren wegen der illegalen Fällung von 185 Bäumen in Köpenick zu einem Bußgeld von 50.000 Euro verdonnert worden ist (gegen das er natürlich geklagt hat), und der für sein Bauprojekt an der Bautzener Straße fast die gesamte in Jahren gewachsene Natur abräumt (die vor Jahren illegal versiegelte Fläche könnte man super entsiegeln und urbane Gärten anlegen, z.B. für traumatisierte Flüchtlinge wie auf dem Gleisdreieckpark), erfährt eine fragwürdige Unterstützung durch die zuständige Bezirksstadträtin.

Die letzte unbebaute Grünfläche am Gleisdreieckpark 

Für die vielen Menschen (beim Bau des Gleisdreieckparks wurde immer von 300.000 Bürgern gesprochen) die um das Gleisdreieck herum leben, wäre es wesentlich sozialer, diese letzte Fläche für die Bürger*innen zu öffnen und diese zugänglich zu machen. Leider war der Senat 2005 nicht bereit, die gesamte Fläche des Gleisdreiecks der Vivico abzukaufen, obwohl die Bodenpreise damals noch zivil waren. Nach der Bebauung an der Flottwellstraße, am Möckernkiez und am Yorckdreieck kommen jetzt noch zwei weitere Baufelder hinzu, u.a. sechs von vielen Anwohnern als monströs empfundene Hochhäuser auf dem Baufeld Mitte. Das alles bedeutet noch mehr Menschen, die den Park zur Erholung aufsuchen. Gleichzeitig werden durch den geplanten Bau der Stammbahn mehrere wertvolle Hektar Park verloren gehen.

Daher mein Appell an Sie und die BVV: 

Betonieren Sie nicht die letzte freie Grünfläche am Gleisdreieckpark zu! Statt 300 neue Wohnungen für ein paar Hundert Menschen zu schaffen, wäre es sozialer, für die 300.000 Menschen aus den dicht besiedelten Quartieren und die neuen Bewohner*innen eine zusätzliche größere Grünfläche mit Aufenthaltsqualität zu schaffen. Mehr Grün statt mehr Beton!

Nicht das Bauprojekt Bautzener Straße wäre „sozial und ökologisch“, wie Sie in Ihrer Presseerklärung schreiben, sondern eine zusammen mit den Schöneberger*innen neu

zu gestaltende kreative ökologische Grünfläche auf der Bautzener Brache.

Zum Schluss meines offenen Briefes möchte ich noch freundlich daran erinnern – nächstes Jahr wird in Berlin wieder gewählt!

Mit freundlichen Grüßen

Edelgard Achilles

 

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