Berliner Luft ist verdammt dünn – Greenpeace misst viel zu hohe Stickstoffdioxid-Werte

rbb online, 04.12.2015

NO2 auspuffIn Berlin herrscht dicke und giftige Luft. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat nachgemessen und 41 mal erhöhte Werte von gesundheitsgefährdenden Stickstoffdioxiden gemessen, nicht nur an Hauptverkehrstraßen, sondern auch unter dem Dach einer Kita. Die Umweltschützer fordern: Die Stadt Berlin muss handeln.

Mal tief einatmen ist in Berlin nicht unbedingt gesund. Die Stickstoffdioxide (NO2), die vor allem durch den Autoverkehr in die Luft gelangen, erreichen an vielen Orten in der Hauptstadt gesundheitsgefährdende Werte. Das geht aus einer Stichprobe der Umweltschutzorganisation Greenpeace und der Universität Heidelberg hervor.

Gemessen wurde demnach insgesamt 41 Mal an Hauptverkehrstraßen, in Innenräumen, Schulen und verkehrsberuhigten Wohngebieten. Dabei stellte sich heraus, dass der Dieseldreck nicht draußen auf der Straße bleibt, sondern auch in Wohnungen oder Schulen in geschlossenen Räumen messbar ist und die Werte viel zu hoch sind. Daniel Moser von Greenpeace Berlin sagte rbb online, es habe ihn extrem überrascht, dass man nahezu überall extrem schlechter Luft ausgesetzt sei.

Wissenschaftlich abgesichert durch Uni Heidelberg

Seit 2010 gibt es einen Grenzwert, den die EU zum Schutz der menschlichen Gesundheit erlassen hat. Danach darf ein Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt höchstens 40 Mikrogramm NO2 erhalten. An den 41 Messstellen ist der Stichprobe zufolge 33 mal der Grenzwert überschritten worden, an fünf Stellen sogar um mehr als das Doppelte. In Berlin sei man konstant schlechter Luft ausgesetzt. „Dabei ist Berlin gar nicht mal die schlimmste Stadt“, so Moser.

Die Berliner Stichprobe hat Greenpeace zusammen mit der Universität Heidelberg gemacht. „Die haben dort ein renommiertes Institut für solche Messungen“, so Moser. Das Messegerät sei so klein wie ein Aktenkoffer und transportabel – im Gegensatz zu den stationären Messstationen. Mit diesem Gerät sei es unproblemmatisch gewesen auch die Werte in Innenräumen zu bestimmen. Ob Schlafzimmer oder Kita-Räume – kein Platz sei sicher vor den NO2-Belastungen, sagte der Sprecher weiter.

Paris, Oslo, London oder Madrid weiter als Berlin

Als Konsequenz aus den Ergebnissen, die nur in Berlin als einziger Stadt in Deutschland erhoben worden sind, drängt Greenpeace auf Fahrverbote in Innenstädten. Gleichzeitig mit den Ergebnissen der Stichprobe hat die Umweltschutzorganisation am Freitag auch einen Maßnahmenplan veröffentlicht, der die Überschrift „Im Kern gesund“ hat. Darin sind zehn Maßnahmen für eine gesunde Mobilität in Deutschlands Stadtzentren aufgeführt.

Vieles darin sei in Städten wie Paris, Oslo, London oder Madrid bereits eingeführt. Wenn man schlechte Luft bekämpfen wolle, komme man nicht um die Reduzierung des Pkw-Verkehrs drumherum, sagte Moser. Die Autos seien der größte Verursacher gesundheitsschädlicher Abgase. Daran habe sich in den vergangenen Jahren so wenig geändert, dass auch die EU-Kommission mit Fahrverboten für Deutschlands Innenstädte gedroht habe, argumentiert Greenpeace. Der VW-Abgas-Skandal könne als Chance für einen Neubeginn in der Mobilität genutzt werden, so der Greenpeace-Sprecher Moser.

Autos raus aus den Innenstädten

Zu den Forderungen von Greenpeace zählt, Umweltzonen einzurichten, in die nur
Kraftfahrzeuge fahren dürfen, die bestimmte Emissions-Grenzwerte einhalten. 48 Städte hätten diese bereits. Sie müssten allerdings noch größer werden und flächendeckend eingeführt werden, heißt es. Zudem sollte das Motto gelten: „Nur wer nicht stinkt, darf gratis rein“. Noch bessere Ergebnisse verspreche die Einführung einer Mautgebühr für die Innenstadt nach dem Vorbild der so genannten „Congestion Charge“ (Staugebühr), die 2002 in London eingeführt wurde. In der englischen Hauptstadt konnte innerhalb kurzer Zeit ein Rückgang des Pkw-Verkehrs um 20 Prozent erreicht werden.

Eine weitere Forderung der Umweltaktivisten ist auf E-Mobilität zu setzen, besonders bei Carsharing, öffentlichen Verkehrsmitteln, Liefer- und Transportfahrzeugen. Bedingung sei natürlich, dass der genutzte Strom für den Elektroantrieb regenerativ erzeugt wird, nur dann seien Elektromotoren effizient und verursachten weniger Schadstoffe.

Zum Maßnahmenplan gehören auch Forderungen nach „Vorfahrt für Fußgänger und Radfahrer“, der „Mut zu autofreien Zonen“, „Tempo runter, Verkehr beruhigen“, „Räume für Menschen, nicht für Parken“ schaffen oder auch „Der Nahverkehr in der Innenstadt muss kostenlos sein“.

Verursacher für Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen

Bei der Schadstoffbelastung der Luft sind die Werte etwa für Feinstaub und Stickstoffdioxid vielerorts immer noch zu hoch. Stickstoffdioxid entsteht bei Verbrennungsprozessen, etwa in Autos, durch Kaminöfen oder in der Industrie. Hauptquelle ist der Straßenverkehr.

Als Feinstaub bezeichnet man winzige Partikel, die eine gewisse Zeit in der Luft schweben. Sie können aus natürlichen oder aus von Menschen geschaffenen Quellen stammen. Die feinen Teilchen kommen in Dieselruß, Reifenabrieb oder in Abgasen von Industrie-, Kraftwerks-und Heizungsanlagen vor.

Untersuchungen haben das vermehrte Auftreten von Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen bei hohen Konzentrationen von Feinstaub und Stickstoffdioxiden nachgewiesen.

Greenpeace hat mit Experten der Uni Heidelberg 41 mal die NO2-Belastung in Berlin gemessen. Ihre Ergebnisse stammen von Ende Oktober bis Anfang November und sind hier nachzulesen: www.greenpeace.de Messergebnisse im Einzelnen

Zehn Maßnahmen für eine gesunde Mobilität in Deutschlands Stadtzentren haben Greenpeace und die Stadtmarketing-Agentur Urbanista zusammengestellt: www.greenpeace.de Gute Luft zum Atmen

 

 
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