Giftige Autoabgase auch in Kitas und auf Spielplätzen

Berliner Morgenpost, Von Lorenz Vossen

NO2Nach dem Abgasskandal bei VW belegt eine Studie: Stickstoffdioxid lauert überall. Leider auch dort, wo man es nicht vermutet.

Glaubt man dem berühmten Schlager, dann soll sie ja einen äußerst „holden Duft“ verströmen, diese Berliner Luft, Luft, Luft. Glaubt man einer Studie von Greenpeace, dann ist diese Luft vor allem mit giftigen Stickstoffdioxiden belastet. Und zwar fast überall. „Wir waren erschreckt darüber, dass die Werte auch in Gegenden abseits von Verkehrsstraßen ex­trem hoch sind“, sagt Daniel Moser. Der Greenpeace-Experte nahm zwischen Ende Oktober und Anfang November Messungen an 41 Orten im Stadtgebiet vor. An 33 davon wurde der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten, an einigen sogar deutlich (siehe Karte). 

Bedenkliche Werte auch auf einem Spielplatz

Das Bedenkliche: Auch in geschlossenen Räumen beziehungsweise an Orten, wo sich Kinder aufhalten, wurde eine hohe Konzentration von Stickstoffdioxiden (NO2) gemessen. Also dort, wo die Luft vermeintlich sauber ist. In einer Kita in Mitte zeigte das Gerät 48, auf einem Spielplatz in Kreuzberg sogar 69 Mikrogramm an. In einem Schlafzimmer in der Chausseestraße waren es mit 80 Mikrogramm sogar das Doppelte des erlaubten Wertes – und das, obwohl die Wohnung Richtung Hof ausgerichtet war. Die Verteilung sei schwer nachzuvollziehen, sie hänge stark von den jeweiligen Windbedingungen ab, sagt Moser.

NO2 gehört neben Ozon und Feinstaub zu den gefährlichsten Stoffen, denen Großstadtbewohner ausgesetzt sind. Es kann zu Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, Allergien verstärken oder auslösen. Besonders gefährdet sind Kinder und Senioren. Laut Umweltbundesamt sterben jährlich 47.000 Menschen an den Folgen zu hoher Schadstoffkonzentration. Wie das Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen zuletzt mitteilte, lebten in Berlin Stand 2012 64.300 Menschen in Gebieten, in denen der NO2-Grenzwert überschritten wird – das sind 17 Prozent aller Betroffenen bundesweit.

Hauptverursacher ist der Straßenverkehr, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt führt drei Viertel des NO2 darauf zurück. Besonders Dieselmotoren stoßen riesige Mengen aus. So war für Moser auch der Abgasskandal von Volkswagen die Motivation für seine Studie. „Wenn bei unseren Messungen ein Diesel von VW vorbeifuhr, kam es oft vor, dass das Gerät extrem hohe Werte anzeigte“, so Moser. In Berlin machen Diesel-Fahrzeuge rund ein Drittel aller Pkw aus. Ihr Anteil stieg in den letzten zehn Jahren um 41 Prozent. Ein Anreiz dürften die niedrigen Benzinpreise sein – oder das Versprechen vermeintliche sauberer Motoren wie bei VW.

Senat ratlos über Diesel-Fahrzeuge

Obwohl der Anteil der Autobesitzer in Berlin relativ gering ist und in den letzten Jahren sogar zurückging, wirkt der Senat angesichts der Diesel-Schwemme hilflos. Eine Entwarnung sei erst ab 2020 zu erwarten, heißt es im sogenannten Luftreinhalteplan 2011–2017. Die Hoffnung: Dann sorgt der hohe Anteil an Fahrzeugen mit der neuen Euro-6-Abgasnorm für eine Verbesserung. Sie gilt seit September für Diesel-Pkw. Zudem sollen bis 2021 alle Busse der Berliner Verkehrsbetriebe mit speziellen Filtern ausgerüstet sein, die die Stickstoffdioxidemissionen um 80 Prozent senken.

Doch bei Greenpeace warnen sie davor, sich ausschließlich auf neue Fahrzeugtechnik zu verlassen. „Frühestens in zehn bis 15 Jahren wird sie erst so weit sein, dass die Abgase unter dem Grenzwert liegen“, sagt Moser. Die Organisation fordert mehr Investitionen in den Radverkehr und Öffentliche Verkehrsmittel, mehr E-Mobilität und autofreie Zonen.

In einem europäischen Städtevergleich verschiedener Umweltverbände belegte Berlin 2015 Platz fünf. Die Hauptstadt habe bei der Parkraumbewirtschaftung, der Förderung von ÖPNV und Radverkehr zu wenige Fortschritte gemacht, so das Urteil. Immerhin: In Städten wie Stuttgart und Hamburg ist die NO2-Belastung höher. Ein Vorteil Berlins sind seine vielen breiten Straßen. Hier verweht der Wind die giftige Berliner Luft, Luft, Luft.

 

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