Filmtip: Raus hier! Die Roma und die Nachbarn

Grunewald 87Wer den Film am Sonntag, den 18.10.2015 in der ARD verpasst hat, dem sei er hiermit zum Nachschauen wärmstens empfohlen. In einer Zeit, in der über Flüchtlinge als Zahlenkolonnen mit fehlender Obergrenze diskutiert wird, in der ernsthaft erwogen wird, die Berliner Mauer nunmehr durch einen neuen Grenzzaun gegen Flüchtlinge zu ersetzen, ist der Film von Mosjkan Ehrari wahrlich ein Lichtblick. Die Protagonistinnen ihrer Reportage Anna und Olga sind zwar keine Flüchtlinge, ihr Schicksal führt aber mitten rein in die erhitzte Debatte des Herbst 2015. Olga, eine Romni aus Rumänien hat ihre Heimat verlassen, da sie dort kaum Chancen hat, durch Arbeit Geld zu verdienen und durch die harten Winter zu kommen. In Deutschland hat sie lange Zeit keine Möglichkeit, eine Wohnung zu bekommen und lebt jahrelang in Wäldern. In der Grunewaldstr. 87 findet sie mit einer großen Gruppe von Landsleuten, heute gerne als falsche Flüchtlinge betitelt, eine Bleibe. Anna gehört zu den Anwohner_innen, die sich gezwungen sehen, mit den vielfältigen Problemen, die die neue Situation mit sich bringt, auseinanderzusetzen: Der Hausbesitzer instrumentalisiert die Romafamilien, um die Altmieter zu vertreiben. Diese sehen sich mit Kriminalität, nächtlicher Ruhestörung, Vermüllung und Ähnlichem konfrontiert. Ehrari macht etwas, was im deutschen Fernsehen allzu selten geschieht: sie lässt Roma in Gestalt von Olga selbst zu Worte kommen, zeigt aus ihrer Perspektive den verzweifelten Versuch dieser Menschen, im „neuen Europa“ eine Chance zum Überleben zu finden. Anna steht für eine neue „Bürgerbewegung“, die sich zunächst verständlicherweise durchaus kritisch, dann aber tatkräftig, entschieden und solidarisch der neuen Situation stellt. Dass der Film sich darauf konzentriert, an Hand von zwei unterschiedlichen Perspektiven zweier Frauen aufzuzeigen, wie der Herausforderung einer Krise solidarisch begegnet werden kann, wie eine Nachbarschaft sich politisiert und sich gegen die Instrumentalisierung der Situation durch Neonazis und Ausländerfeinde zur Wehr setzt und wie dadurch auch neue Begegnungen und soldarische Nachbarschaftsstrukturen entstehen, dies ist die Stärke des Films. Bei diesem Focus des Films bleiben natürlich auch eine Menge Fragen offen: Wie kann kriminellen Hausbesitzern, die die Not von Menschen ausnutzen und Menschen gegeneinander ausspielen, das Handwerk gelegt werden? Was kann gegen eine Bezirksverwaltung unternommen werden, die lange Zeit viel zu untätig bleibt und die Verantwortung abzuwälzen versucht? Wie kann Polizeieinheiten Einhalt geboten werden, die die menschenfeindliche Hetze von Nazis schützen und den demokratischen Protest von Anwohner_innen gewaltsam unterbinden wollen? Wie kann das Bewusstsein einer Gesellschaft verändert werden, damit eine Romni wie Olga beim Einkauf um die Ecke nicht mehr ihren traditionellen langen Rock gegen eine Hose vertauschen muss, um nicht in der unsäglichen deutschen Tradition als Zigeunerin beschimpft und aus dem Laden gejagt zu werden? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, bedarf es vieler Filme, vieler Debatten und auch Palaver im Kiez. Nur, wenn die Politik mit ihrer zwiespältigen Haltung fortfährt, sich im „Sommermärchen der neuen Willkommenskultur“ zu sonnen und gleichzeitig kräftig weiterzubauen an der Festung Europa, wenn nicht aus der jahrzehntelangen verfehlten Einwanderungsdebatte und den tödlichen Pogromen der neunziger Jahre gelernt wird, wenn die Politik keine schlüssigen Gesamtkonzepte für die Entwicklung eines neuen, gemeinsamen, inklusiven, solidarischen Deutschland entwickelt, bleibt nicht mehr viel Zeit, diesen notwendigen Masterplan „von unten“ zu entwickeln, um nicht von einem neuen rassistischen Tsunami überrollt zu werden, bei dem Pegida nur die Auftaktwelle war.

Norbert Böhnke

Link zum Film: Raus hier! – Die Roma und die Nachbarn

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